„Manfred Reuter erzählt brillante Geschichten. Behutsam, eindringlich, leise – weit über die Eifel hinaus“ (Jacques Berndorf)
„Mit Manfred Reuter hat die Eifel eine neue literarische Stimme, die aufhorchen lässt“ (Dr. Josef Zierden, Eifel Literatur Festival)
Liebe als Auftrag und Dienstvergehen
Manfred Reuters Romandebüt „Der Kirchenmann“
von Seep Jakobs
Gibt es noch allgemein gültige Tabus, die zum literarischen Bruch herausfordern? Heutzutage, da das Zurschaustellen, Glotzen und Plappern exzessiv vermarktet werden, sind auch die „unberührbaren Themen“ weit über die Ödnisgrenze hinaus zerquatscht worden. Wer auf ein Phänomen mit vitaler Tabuqualität stoßen will, kann aber fündig werden, wenn er das Suchgebiet geographisch eingrenzt und ein bestimmtes soziales Biotop in den Blick nimmt. Manfred Reuter aus Prüm hat das bei seinem Debüt als Buchautor getan. Sein im November erschienener Roman „Der Kirchenmann“ spielt im real existierenden Alltag der kleinstädtisch-katholischen Christenheit. Es geht darin um das Liebesleben eines Priesters.
Reuters Protagonist Frank Buschhoven, ein junger Dechant im fiktiven Eifelstädtchen Schönenbach, verliebt sich in Paula, die ihm den Haushalt führt. Er handelt dabei nicht als körperloses Wesen, nicht als rein spirituelle Potenz, sondern als leibhaftiger Mann, der die eigenen Gefühle, den eigenen Geschlechtstrieb weder verleugnen kann noch will. Was der Autor hier zur Sprache bringt, ist eine Erkenntnis, die nicht neu ist, aber beim Lesen des „Kirchenmanns“ neu begreiflich wird: die Priesterweihe erlöst den Geweihten nicht von seiner Sexualität und dem Drang nach zwischenmenschlicher Nähe. Dieser Pfarrer bleibt auch als überzeugter, berufener Geistlicher uneingeschränkt liebesbedürftig und liebesfähig. Das ist seine Sünde, seine Disposition zum Unglück.
„’Verheißungsvolle, ungewisse schöne Welt’, pflegte Frank Buschhoven zu sagen, wenn sich Paula Brandt auf dem Sofa neben ihn schmiegte und ihm zuhörte, auch, wenn es um Mutters Eskapaden oder um Vaters Krankheit ging. Bei Kerzenschein und einem Glas Wein sinnierten sie dann auch und immer wieder über alle nur möglichen Eventualitäten, die aus ihrer Liebe erwachsen könnten. ‚Wir machen nichts Verbotenes, wir sind Menschen wie alle anderen auch. Du engagierst dich für die Kirchengemeinde sogar weit über Gebühr’, stellte Paula immer wieder von neuem klar, während sie Frank durchs Haar strich.“ In dieser Szene der versuchten Selbstberuhigung scheint die Spannung auf, der das Paar dauernd ausgesetzt ist.
Reuter erzählt die Geschichte als fortlaufende Zerreißprobe: Frank Buschhoven lebt nicht nur mit Paula zusammen, er zeugt auch ein Kind mit ihr, will die Vaterrolle bestmöglich ausfüllen und doch ein von der Pfarrgemeinde und den Kirchenoberen anerkannter Priester bleiben.
Dabei geht es dem Geistlichen, der ein wohlwollender, phasenweise sogar enthusiastischer Seelsorger ist, nicht nur um seine Akzeptanz im Amt. Er legt es auch darauf an, als Mensch verstanden zu werden und aufgehoben zu sein in einer Gemeinschaft, die das christliche Fundamentalgebot der Nächstenliebe mit Leben erfüllt. Während er um seine Zukunft als Pfarrer kämpft, will er sich zu seiner Frau und seinem Sohn bekennen dürfen. Nach anfänglichem Lügen und Versteckspiel riskiert er mehr und mehr, dass sein Verstoß gegen den Zölibat zum öffentlichen Thema wird. Das Ausweichen in geduldete Nischen der Heimlichkeit, eine Kompromisslösung priesterlicher Lebenspraxis, kommt für ihn nicht in Frage. Ebenso wenig will er Akteur sein auf den Maskenbühnen gesellschaftlicher Doppelmoral, wie sie die herrschenden Verhältnisse – ob in der Provinz oder in den Metropolen – verlässlich einrichten. Frank Buschhoven ist kein Mann, der anderen dauerhaft das Schlupfloch läßt, im Tuscheltonfall auf ihn zu reagieren. Er legt sich offiziell mit seiner Gemeinde an, konfrontiert sie in einem Pfarrbrief mit seinem Selbstverständnis und mit unbequemen Wahrheiten: „Ich gebe gerne zu, dass ich sicher nicht zu denjenigen Priestern zähle, die allzu sehr an den älteren Denkweisen festhalten. Dies zeigt sich in meiner Kleidung ebenso wie beim freundschaftlichen Umgang mit den mir anvertrauten Menschen. Dabei mache ich keinen Unterschied, ob ich mich gerade auf dem Fußballplatz oder im Supermarkt befinde. Und glaubt mir: Auch unser Herr Jesus Christus hat auf Offenheit und Ehrlichkeit allergrößten Wert gelegt und nichts so verabscheut wie Heuchelei.“
In einer unkontrollierten „Wutpredigt“ offenbart er sich schließlich als Gegner des Zölibats und wirft den Messebesuchern Scheinheiligkeit und die kollektive Drangsaliererei seiner Frau, seines Sohn und seiner selbst vor.
Mit den eigenen Ansprüchen an Sinn-, Glaubens- und Glückserfüllung beschreitet – das macht der Roman in beeindruckender Manier deutlich – Frank Buschhoven einen Weg des Scheiterns. Bei Jesus Christus könnte er für seine Art, Priester und Mann zu sein, auf Verständnis hoffen – keinesfalls aber bei den Funktionsträgern der katholischen Kirche und den Schlüsselfiguren, die in seiner Gemeinde die soziale Kontrolle ausüben. Sein Tabubruch geht über die öffentlich gewordene Liebesbeziehung mit einer Frau hinaus. Der Priester setzt sich auch über die Übereinkunft hinweg, Verbotenes, wenn schon, dann duckmäuserisch zu tun. Damit überschreitet Buschhoven – in naiv-selbstüberschätzendem Eifer, die Kirche als Einzelkämpfer von innen zu erneuern – Grenzlinien, deren Gültigkeit die Hüter des Tabus in uralter Tradition machtvoll verteidigen. So ist es nur folgerichtig, dass die Ereignisse in einem Kapitel münden, das die Überschrift „Der Zusammenbruch“ trägt.
Manfred Reuter verknüpft im „Kirchenmann“ anrührende Passagen aus der Kindheit seiner Hauptfigur mit sensiblen Szenen der tragischen Liebesgeschichte und der scharfsichtigen, manchmal satirischen Schilderung des kleinstädtisch-katholischen Milieus. Dabei weitet er die kritische Durchleuchtung auch sachkundig auf das hierarchische System der Amtskirche aus. Dass der 48-jährige Autor dabei auf eigene Erfahrungen als journalistischer Berichterstatter in einem vergleichbaren Fall zurückgreifen kann, gibt seinem Romandebüt eine starke Authentizität. Und es ist wohl nicht übertrieben spekulativ, in diesem persönlichen Miterleben einer realen Jagd- und Leidensgeschichte den Impuls für das Schreiben seines Erstlings zu orten.


