Leseprobe

Nichts hasste sie so sehr, wie im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. Aber als diese Leser-Zuschrift erschien, gab es für Klara Ziebig kein Halten mehr. Auf der Stelle bemühte sie ihre alte Schreibmaschine und haute ihrerseits heftig in die Tasten. Vorher musste sie das klobige Gerät vom Spitzboden holen und gründlich reinigen. Denn ihr „Ludwig-Erhard-Computer“, wie Klara die Maschine nannte, war in die Jahre gekommen. Kein Wunder, dass die meisten Tasten kurz vor dem Anschlag hängen bleiben, die Walze sich nicht mehr so präzise drehte wie noch vor 20 Jahren und der Umschaltbügel quietschte wie ein nasser Keilriemen.

Im Schreibwaren-Laden besorgte sich Klara noch qualitätsgeprüftes DIN-A 4-Schreibmaschinenpapier; holzfrei, versteht sich, außerdem gleich hundert Blatt. Man konnte ja nicht wissen, was noch alles kommt und worauf man irgendwann erneut spontan reagieren musste. Mit Kohle-Durchschlag an Pastor Frank Buschhoven machte sich die alte Dame daran, den ersten Leserbrief ihres Lebens zu schreiben.

Auf das äußere Umfeld legte Klara dabei keinen gesteigerten Wert. Die Schreibmaschine platzierte sie kurzerhand auf dem Küchentisch. Nicht einen einzigen Gedanken hatte sie daran verschwendet, diesen vorher abzuräumen. Marmeladenglas, Frühstücksbrett mit Messer und Keramik-Eierbecher darauf sowie die noch bis zur Hälfte gefüllte Kaffeetasse schob sie ohne große Umschweife zur Seite. Über die Butterdose stülpte sie nur noch eben den Plastikdeckel, das Kännchen mit der Kondensmilch stellte sie an den Rand des Tisches. Als hätte sie gestern noch auf der Kreisverwaltung eine hundertseitige Rede für den Landrat getippt, flogen ihre Finger mit der Virtuosität einer jungen Pianistin über die Tasten. Ob der Schwere des alternden Schreibgeräts vibrierte der Küchentisch gleichwohl bedrohlich, so dass die Brotkrümel auf der Tischdecke hüpften wie Flöhe und die Kaffeeneige bis zum Tassenrand hinauf schwappte. Als das geschah, war Klara Ziebig gerade an der Stelle, wo sie den klerikalen Nachwuchs – zumindest Teile davon – „in seinen Denkweisen veraltet und unbeweglich“ nannte. „War einer von Ihnen bei dem ominösen Gespräch im Generalvikariat dabei, als man Pastor Frank Buschhoven durch die Mangel drehte?“, fragte Klara, kratzte sich an der in Falten gelegten Stirn, um gleich danach wieder Schwung zu nehmen. „Was ist es denn anderes als eine Degradierung, wenn Worte fallen wie ,Der Bischof wünscht, dass Sie über Ihren Rücktritt vom Dechantenamt nachdenken’? Halten Sie, meine Herren, das etwa für frei erfunden, und sehen Sie darin gar die gezielte Verbreitung einer Unwahrheit? Kaum jemand kann, wenn er es mit der Wahrheit ernst meint, Ihre Argumente nachvollziehen. Da frage ich mich: Wie sollen wir unseren Kindern eine Kirche liebenswert machen, in der Predigen und menschliches Handeln zweierlei Dinge sind?“

Klara unterbrach sich für eine kleine Denkpause. Sie starrte aufs Papier. Mit einem Mal schob sie ihren Stuhl nach hinten, und zwar so schwungvoll, dass der darunter liegende Teppich fast bis gegen die Wand rutschte. Neben dem mannshohen Kühlschrank angekommen, öffnete sie das Küchenfenster, holte einmal tief Luft, ging zurück zum Tisch, um wieder Platz zu nehmen und die Maschine, die inzwischen quer stand, gerade zu rücken und gleich fortzufahren im Text: „Unser Pastor hat mit Sicherheit keinen zölibatär lebenden Amtsbruder in Frage stellen wollen. Doch unterstellt man ihm mit dieser Formulierung nicht schon, selbst nicht zölibatär zu leben? Ist das christlich? Mir fallen dazu spontan etliche Bibelstellen ein, die Jesus selbst vielleicht dazu sagen würde. Aber die will ich Ihnen an dieser Stelle ersparen. Aber wenn ich mal fragen darf: Wer legt, wie in der Predigt von Frank Buschhoven, seine Worte schon auf die Goldwaage, wenn Gefühle überschäumen? Tun Sie es, oder sind Sie völlig emotionslos, meine Herren?“

Beim Schreiben dieses Satzes hatte Klara Ziebig so heftig auf die Schreibmaschine eingedroschen, dass das Messer vom Frühstücksbrett rutschte und krachend auf die Fliesen fiel. Mit bösem Blick, der nicht nur Textinhalt und Adressaten galt, schaute sie zu Boden. „Brauchs net stifte ze gehe, dir tu isch nix, blöd Dinge!“, schimpfte Klara, die nun voll in ihrem Element war. Trotzdem hatte das Hinunterfallen des Messers Klara den Rhythmus geraubt, was sie noch mehr in Rage brachte. Sie stand wieder auf, schloss das Fenster, griff nach dem Messer und warf es in hohem Bogen in die Spüle: „Du dumm Dinge, bis sowieso stumpisch. Ob ich dich heut noch spül, muss isch mer noch schwer überleje!“, grantelte sie. Doch als Klara wieder auf ihrem Stuhl saß und das Schreibgerät zum zweiten Mal gerade gerückt hatte, fand sie den roten Faden schnell wieder:

„Warum unterstellen Sie eigentlich der Presse Verfälschung der Tatsachen und einseitige Manipulation? Ist Ihr kirchliches Selbstverständnis so schwach, dass Sie – wohl gemerkt aus der Ferne – gleich Verrat wittern? Ich bin übrigens nicht von der Presse, aber ich weiß die Vorzüge der freien Meinungsäußerung zu schätzen. Ein demokratisches Gut, das Sie mit ihrer widerlichen Stellungnahme untergraben wollen.“

„So, meine Herren, das war’s!“ Mit einem Zug riss Klara Ziebig Blätter und Kohlepapier aus der Walze, unterschrieb zwischen Kaffeetasse und Eierbecher, der inzwischen kurz davor war, dem Messer zu folgen, und tütete den Brief ein. Ein banger Blick ging zur Uhr: „Gott n e! Zehn Uhr. Isch hatt schoh vor zwei Stunde op der Baustell sei wolle.“ Klara visierte den Brief an, presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zu: „Nur wege euch komm isch heut ze spät!“, zischte sie.

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