Einführung

Anlässlich der Buchpräsentation in der Kapelle des ehemaligen bischhöflichen Konvikts in Prüm führte Dr. Josef Zierden am 11. November 2005 vor 140 Gästen ins Werk ein:

Viele von ihnen werden sie kennen „Die Dornenvögel“: jene Saga einer australischen Farmersfamilie, mit der die australisch-amerikanische Schriftstellerin McCullough 1977 weltbekannt wurde und mit der sie die Spitzen der internationalen Bestsellerlisten stürmte.

Die Verfilmung war einer der größten Erfolge der Fernsehgeschichte und begeisterte ebenfalls Millionen von Menschen in aller Welt.

Was besonders berührte, war die verbotene Liebe zwischen der wunderschönen Meggie und dem ehrgeizigen Priester Ralph.

Der zieht seinen Glauben und die Karriere im Vatikan der Liebe vor: Er wird Sekretär des päpstlichen Legaten für Australien, schließlich Bischof in Rom und schließlich Kardinal.

Gleichwohl: Meggies und Ralphs Wege kreuzen sich immer wieder – und ihre Leidenschaft erwacht immer aufs Neue. Ihr gemeinsamer Sohn Dane sühnt die verbotene Verbindung durch seinen tragischen Unfalltod.

Auch Manfred Reuters heutiges Romandebüt „Der Kirchenmann“ erzählt von einer verbotenen Liebe in einem Pfarrhaus: zwischen dem jungen und unkonventionellen Dechanten Frank Buschhoven und seiner Haushälterin Paula Brandt.

Schauplatz sind aber nicht die Weiten Australiens und nicht die Residenz des Papstes in Rom, und die geistliche Hauptperson stellt weiß-Gott-nicht seine Karriere über die Liebe.

Schauplatz des Romans „Der Kirchenmann“ ist die kleine Welt des Eifeldorfs Schönenbach – im Bistum Trier gelegen, zwischen Bitburg und Prüm.

Pfarrhaus, Pfarrgarten und Kirche, der Dorfladen, die Schule, die Bank – die Dorfwelt in der Eifel ist überschaubar und vertraut und von den Sorgen und Nöten, Freuden und Pflichten des ländlichen Alltags bestimmt.

Eine Fassadenwelt zuweilen, in der Wasser gepredigt und Wein getrunken wird, in der sich schon mal zum Tugendwächter aufschwingt, der selber im Glashaus sitzt.

Der junge Dechant Frank Buschhoven – er ist ein engagierter „Hans Dampf“ in allen dörflichen Gassen, präsent in der Schule und auf dem Fußballfeld, bei öffentlichen Festen und Feiern, beliebt nicht zuletzt auch bei der Jugend.

Sein Lieblingsplatz ist der Pfarrgarten, und hier die Gartenbank im Pfarr-Pavillon, mit der Marien-Statue im Blick. Eine Idylle fast von verschwenderischem Reichtum der Natur , auf dessen Schönheit und Verletzlichkeit zugleich der Rosenbogen mit seinen Blütenpracht und mit seinen Dornen verweist.

In nachdenklichen Stunden im Pfarrgarten entgrenzt der junge Dechant zumindest innerlich die kleine Welt des Eifeldorfs.

Ein liberaler Geist ist der Dechant, zu liberal für einige, mit Mut zur eigenen, auch abweichenden Meinung, nicht zuletzt auch in Fragen der Sexualmoral und des priesterlichen Pflichtzölibats.

Als Kind des 2. Vatikanischen Konzils, das auf eine „Öffnung“ der Kirche zur modernen Welt zielte, als Kirchenrebell mit Rückgrat und Courage drängt er auf eine Erneuerung der katholischen Amtskirche von innen.

Im Zentrum des Romans steht eine verbotene Schwangerschaft und die Folgen – die Schwangerschaft der Pfarrhaushälterin und

  • wie Frank und Paula im Pfarrhaus damit umgehen,
  • wie die Honoratioren des Dorfes bis hin zum Pfarrgemeinderat,
  • wie die Priesterkollegen der Nachbarpfarreien,
  • und wie die vorgesetzte Bistumsbehörde mit Bischof, Dompropst und Generalvikar.

Um es vorweg zu sagen, ohne im einzelnen

  • das Brodeln in der dörflichen Gerüchteküche,
  • die Intrigen im Pfarrgemeinderat,
  • die Schmutzattacken auf der Karnevalsbühne und
  • das inhumane Gesprächs-Verhör im Generalvikariat hinter der Hohen Domkirche zu Trier nachzuzeichnen: der Zölibatsbruch im Pfarrhaus von Schönenbach wird zum großen Lackmustest wahren christlichen Glaubens. Da erweist sich jenseits wohlfeiler Phrasen und Heuchelfassaden, wer Liebe, Nächstenliebe, Solidarität und Versöhnungsbereitschaft wirklich lebt, gerade in Krisenzeiten – und wer nicht.

Ein besonders schlechtes christliches Zeugnis stellt der Roman da vor allem den Funktionären und Hierarchen der katholischen Kirche aus, während er als Leuchttürme der Menschlichkeit am ehesten noch das einfache Volk, die kleinen Leute wie die unvergessliche Klara Ziebig feiert. Die warnt den Dechant, die stärkt ihm immer wieder den Rücken, im vertraulichen Gespräch wie in einem öffentlichen Leserbrief an die Lokalpresse, getippt auf einem chaotischen Küchentisch zwischen Butterdose, Marmeladenglas, Eierbecher und Kaffeetasse – getippt auf einer uralten klapprigen Schreibmaschine, liebevoll „Ludwig-Erhard-Computer“ genannt. Sie steckt dem Dechant auch Geld zu für die Sanierung des Pfarrheims, nachdem ihm die örtliche Bank jeden Kredit verweigert hat – Mobbing durch Geldentzug.

Wer Kredit verdient und wer ihn verspielt, im weiteren Sinne, in dieser Frage ergreift der Roman ganz entschieden Partei: durchaus cum ira et studio, mit Zorn und Eifer, mit flammender Parteilichkeit – aber nicht ohne kritische Beleuchtung auch der Hauptakteure im Pfarrhaus.

Denn Dorfskandal und Dorfeklat – sie werden im kritischen Rückblick voller Fragen und Selbstzweifel erzählt und erinnert von Paula Brandt, der Pfarrhaushälterin – mit Tagebucheinlagen Frank Buschhovens. Diese Tagebucheinlagen spiegeln zugleich mit seiner Kindheit und Jugend in einem moralisch freizügigen Elternhaus das Leben und Treiben in der Eifel seit den 60er Jahren,

  • als die Amis noch mit ihren Riesenschlitten von Straßenkreuzern zur Prümer Housing fuhren,
  • als die Waschmaschine ihren Einzug hielt noch in die kleinsten Mietwohnungen,
  • als ein rarer Urlaub am Titisee im Schwarzwald und ein Stapel Fix- und Foxi-Hefte noch eine Welt bedeuteten.

In drei Zeitschichten, souverän miteinander verknüpft, entfaltet so der Roman

  • das tragische Ende einer verbotenen Liebe,
  • den Kampf eines liberalen Priesters für seine Ideale und Visionen im Konflikt zwischen Amtspflicht und menschlicher Neigung.

Der „Kirchenmann“ gibt ein Sittenbild Eifeler Dorflebens mit all seinen Stärken und Schwächen. Überzeugend einfühlsam und dramatisch. So ist Manfred Reuters Debütroman „Der Kirchenmann“ ein Plädoyer für Liberalität, Toleranz und Menschlichkeit. Ein Stück „Dornenvögel“ in der Eifel – aber ohne jede Sentimentalität und falsche Romantik.

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